Das Wort zum Donnerstag

Das Wort zum Donnerstag

02.04.2026

Mein Müllmann

Zuhause bin ich zuständig für den Müll. Will heißen: sind die Behältnisse für Altpapier, Bio-Müll, Gelber Sack und Restmüll voll, bringe ich den Müll raus in die entsprechenden Container. Meine Frau nennt mich liebevoll mein Müllmann, denn ich sorge dafür, dass der Müll entsorgt wird.

Die Künstlerin Gisela Paul (1941-2014) schenkte meinem theologischen Lehrer Siegfried Kettling 1988 eine Collage (130x110 cm). Sie befasste sich als aktive Christin in ihrer künstlerischen Arbeit überwiegend mit allgemein menschlichen und biblischen Themen, die sie in Ausstellungen im In- und Ausland zeigte.

Collage von der Kreuzigung, gestaltet aus Abfall

Ich mache keine schönen Sachen für die Wand. Ich mache Dinge, die eine Botschaft haben, erklärte sie einmal. Botschaften, die ihrem christlichen Hintergrund entsprachen. Ob es der Protest gegen die Wegwerfgesellschaft war, indem sie aus Müll Kunstwerke entstehen ließ, oder aber Projekte mit jungen Menschen, die sie in viele Länder führte. Ihre Prägung erfolgte sicherlich auch in der Zeit, als sie selbst Flüchtlingskind war, und in den Jahren als Entwicklungshelferin in Sambia.

Gisela Paul hat in dieser Collage auf ihre Art und Weise mit Müll das Geschehen von Karfreitag dargestellt. Das Material mag befremdlich erscheinen: Ausgequetschte Farbtuben und deren Verschlüsse, Deckel und Boden einer Getränkedose, ein ausrangierter Zirkel, eine unbrauchbare Stahlfeder einer Matratze, Reste eines Fahrradgepäckträgers, ein Bolzen, wie ihn die Eisenbahn für ihre Gleisschwellen benutzt, Plastiksäckchen und -netze, in denen man Obst nach Hause getragen hat - dekoriert mit verknoteten Bindfäden. Dieses befremdliche Material komponierte sie zum Bild des Gekreuzigten mit der Botschaft FÜR EUCH.

Gibt es einen inneren Zusammenhang, zwischen Material und Message? Passt das Zeug zum Zeugnis? Das, was unbrauchbar ist, ist hier verarbeitet. Das ist nicht der Stoff, aus dem die Träume sind, sondern das, was übrigbleibt, wenn die Träume enden. Daher die Frage: Ist dieses Material ein passender Träger für die christliche Botschaft?

In der Mitte der biblischen Botschaft steht das Wort von der Gnade Gottes. Gnade ist die freie Zuwendung Gottes, die liebt, was zwar auf den ersten Blick, aber keinesfalls bei genauerem Hinschauen, liebens-wert ist. Jeder kennt die Regungen des eigenen Herzens nur zu gut. Gnade ist die Liebe Gottes, die sich nicht an der Schönheit des Objektes entzündet, an irgendwelchen sogenannten guten Taten, sondern das Liebenswerte erst schafft. Gnade greift nach dem Müll, nach dem Abfall, den ich in meinem Leben immer wieder produziere. Gnade adelt das Wertlose. Das ist die Hoffnung in meinem Leben! Das ist die Verwandlung, die die Collage darstellen will. Ich werde recycelt und wertvoll – weil Gott mich liebt. Das Alte ist vergangen, siehe Neues ist geworden (2.Kor.5,17).

Der biblische Vers beschreibt die radikale Verwandlung, die im Leben eines Gläubigen geschieht. Wenn jemand in Christus neues Leben geschenkt bekam, erfährt er eine Erneuerung, die das Alte hinter sich lässt und ein neues Leben beginnt. Die neue Kreatur ist nicht frei von Herausforderungen, sondern zeigt eine innere Veränderung. Das Alte, geprägt von Schuld, Versagen und Sünde, wird durch eine Identität, die in der Gnade und Liebe Gottes begründet ist, ersetzt. Diese Verwandlung ist nicht nur eine private Erfahrung, sondern befähigt dazu, anderen Zuspruch zu geben und mit Gläubigen einen Ort der Gemeinschaft zu erleben.

Gottes gnädige Liebe wird Gestalt in Jesus Christus, sichtbar in dem Lamm Gottes, das der Welt Sünde trägt. Die Gestalt Jesu wird in der Collage geradezu als Skelett gezeigt. Sichtbar wird der rechte Arm, die Wirbelsäule, die Kniescheibe. Das Material der Plastiknetze und –säcke lässt zerfallenes Gewebe assoziieren. Das nächtlich kalte Blau dringt durch die durchlöcherte Körperlichkeit.

Kommt er, blau, als Farbe des Königs, hinein in meine kalte, tote Gottesfinsternis und –ferne? Darf er in meine Einsamkeit kommen? Ja, wir sind verlorene Gestalten, aus Gottes Sicht. Verdammte. Hoffnungslose Fälle, wenn der Röntgen-Blick Gottes auf unsere Schuld fällt. Getrennt von ihm, dem Heiligen.

Wer sich mit dem Bild auseinandersetzt, ihm stand-hält, den ersten Schock überwindet, kann das Bild zu sich sprechen lassen. Das zerrissene Gesicht spricht von Mitleid, von Hingabe. Es will den Zuspruch der Vergebung bei dir loswerden. Aus dem deformierten Mund kommt das Wort der Vergebung, der Nähe, der Liebe. Der rechte Arm reckt sich aus wie ein Dach über den Hilfesuchenden, den Anbetenden.

Die erbärmliche Gestalt unter dem Kreuz ist aus dem gleichen Material gemacht, wie der, der am Kreuz stirbt. Ja, Gott wird Mensch. Und Gott hat den, der von keiner Sünde wusste, zur Sünde gemacht (2.Kor.5,21). Deshalb starb er. Für uns. Für mich.

Die Gestalt hebt das Auge, auch den Arm, tastet sich an Jesus heran. Nun geschieht Gemeinschaft. Heimkehr und Geborgenheit wird sichtbar. Die Gestalt berührt den Gekreuzigten. In dieser Gestalt unter dem Kreuz sehe ich mich. Von Tod und Verwesung gekennzeichnet, bin ich erlöst durch den, der mir gleich wurde. Der Mund ist geöffnet. Vielleicht vor Staunen. Vielleicht mit den Worten: Herr, erbarme dich unser. Oder: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst (Lk. 23,42). Was immer passiert: im Tod und im Jüngsten Gericht – ich kann nie tiefer sinken als in seine Hände. Für dich!, spricht der Gekreuzigte: Vergebung deiner Sünden. Das kann mir keiner nehmen. Und das, was diese Vergebung mit sich bringt: Leben und ewige Seligkeit.

Meinen Müll kann ich zuhause vor die Tür zum Mülleimer bringen. Es braucht die Müllabfuhr, die den Dreck von mir und anderen Leute wegräumt, und meistens stinkt es. Gott lädt in Jesus ein: Bring den Müll runter und raus, nur her mit dem ganzen Dreck, dem Frust, dem Abfall, allem, was stinkt und was auf deiner Seele liegt und sie schwer macht. Ich kümmere mich darum. Jesus wird am Kreuz zum Müllmann für diese Welt. Er trägt den Müll, den sonst keiner zu tragen in der Lage ist. Zu ihm komme ich mit dem Müll meines Lebens, der durch Worte und Schweigen, Taten und Untaten, oder in meinem Herzen entstanden ist. Innerlich kann eine Verwandlung geschehen, wenn Gott spricht (Offbg.21,5): Siehe, ich mache alles neu! Eine Einladung, Vertrauen in Gottes Neugestaltung zu setzen.

Bleiben Sie gesund und behütet.

Pastor Burkhard Heupel
Emmaus-Gemeinde

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